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Kurt
Tucholsky - Schloss Gripsholm
Inhaltsangabe
Fünf herrliche freie Wochen wollen sie gemeinsam verbringen,
Kurt und seine Prinzessin, Lydia. Sie fahren nach Schweden, suchen
sich ein einsames Plätzchen - Schloss Gripsholm. Mit Sonne,
Wald, Unterkunft im Seitentrakt des Schlosses, dem See vor der
Tür, und nichts, aber auch gar nichts, was sie noch an Berlin
erinnern könnte. Gut, Lydia braucht eine Weile, um mit ihren
Gedanken vom Büro freizukommen, aber dann sind sie ganz für
sich.
Als
Karlchen, Kurts bester Freund, sich meldet, ob er nicht auch für
ein paar Tage bei ihnen unterkommen könnte, da überlegen
sie erst - und stimmen dann zu. Und anders als sonst kann Kurt
sich über beide freuen, lässt nicht die Liebste links
liegen für den Freund und umgekehrt. Es scheint, als würden
sie nur Blödsinn treiben, sich permanent verulken, doch ihre
Freundschaft ist so tief gewachsen, dass der Klamauk kein Hindernis
ist für zwischendurch eingeworfene ernste Themen.
Und
ernste Themen begegnen ihnen nach Karlchens Abreise auch noch:
ein Kinderheim entdecken sie, in dem eine Deutsche das Regiment
führt. Aber wie sie das macht! Zucht und Ordnung, schwere
Strafen, nichts Kindliches ist erlaubt, nichts Warmes und Herzliches.
Ada leidet wohl am meisten darunter - und diese Kleine lernen
sie dann auch kennen, als sie versucht fortzulaufen.
Wir
müssen ihr helfen! ist der Gedanke - und der wird auch befolgt.
Dabei hat in der Zwischenzeit auch Lydia Besuch von einer Freundin
bekommen, die Kurt ausgesprochen gut gefällt. Eifersucht
ist nicht dabei, und doch... was eines Abends noch passiert, verändert
etwas, unmerklich fast.
Leseprobe
S.
71:
Wir
waren ein ganzes Stück Zeit miteinander gefahren und sprachen
unter uns einen Cable-Code, der vieles abkürzte. Die Prinzessin
fand sich überraschend schnell darein - es war ja auch nichts
Geheimnisvolles, es war eben nur die Übereinstimmung in den
Grundfragen des Daseins. Wir wussten beide, dass es "alles nicht
so doll" sei - und wir hatten uns aus skepsis, Einsicht, Unvermögen
und gut angelgter Kraft eine Haltung zusammengekocht, die uns
in vielem schweigen ließ, wo andre wild umhersurrten. Die
größten Vorzüge dieses Mannes lagen, neben seiner
Zuverlässigkeit, im Negativen: Was er alles nicht sagte,
nicht tat, nicht annstellte... Da gab es keine fein ebildeten
Verdauungsgespräche, in denen die Herren dem "Geist ihrer
Zeit" einen scheußlichen Tribut dabringen, ohne übrigens
ihr Leben auch nur um einen Deut zu ändern. Da wurde nicht
literarische Bildung verzapft, und es gab keine Wiener Aphorismen
über Tod, Liebe, Leben und Musik wie bei den Journalisten
aus Österreich und ihnen Anverwandten... es wird einem himmelangst,
wenn man das hört, und beim ersten Mal glaubt man das druckfertige
Gerede auch, und es ist alles, alles nicht wahr.
S.
80:
Und
wieder fühlte ich, zum hundersten Male in so vielen Jahren,
das Unausgesprochene dieser Freunschadt, das Fundament, auf dem
sie ruhte. Ich kannte den Urrund seiner Haltung. Ich wusste, weil
ich es mitangesehen hatte: was der Mann alles erlebt hatte ("Über
mich ist ein bisschen viel hinweggebraust!" pflegte er zu sagen);
ich sah seine unbedingte Selbstbeherrschung, wenn‘s schief ging,
der konnte die Ohren steif halten. Oft, wenn ich nicht weiter
wusste, dachte ich: Was täte Karlchen jetzt? Und dann ging
es wieder eine Weile. Eine richtige Männerfreundschaft ...
das ist wie ein Eisberg: nur das letzte Viertel sieht aus dem
Wasser. Der Rest schwimmt unten; man kann ihn nicht sehen. Klamauk
- Klamauk ist nur schön, wenn er auf Ernst beruht.
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